Viva la Vulvina!

Es ist schwierig, sich ein entspanntes, gewaltfreies und wertschätzendes Geschlechterverhältnis vorzustellen, solange Worte wie Schamlippen und Scheide das Sprechen über weibliche Körper – und weibliche Lust, weibliches Sein – prägen.

Worauf genau bezieht sich die Scham, die Frauen zwischen den Beinen tragen? Geht es um die Scham, nicht Mann zu sein, sondern – nur – das schwache, das zweite, das andere Geschlecht? Ist dies eine gesellschaftlich gemachte Scham, von Männern produziert, die sich Dinge wie den Penisneid ausdenken (statt ihre Fantasie Dildo-Manufakturen zur Verfügung zu stellen), oder ist es – bei der einen oder anderen – eine im privatesten Raum entstandene Scham, als Antwort auf die Enttäuschung der Eltern bei der Verkündung ihres Geschlechtes?

Geht es um die Scham, nicht so rein zu sein wie Mutter Maria oder Barbie, sondern untenrum haarig, feucht, glitschig, verschwitzt, riechend, zuweilen auch blutend?

Geht es – inzwischen zumindest – um die Scham, nicht die Art von Labien zu tragen, die die Schönheitsnorm hierzulande gerade fordert? Truthahn- statt Brötchenform?

Schämen sich manche Frauen dafür, nicht all die Organe zu haben, die Frauen haben sollten? Keine Eierstöcke vielleicht, keinen Uterus, kein seit Geburt stimmiges Geschlecht?

Gibt es eine Scham dafür, Lust zu empfinden? Sex nicht nur zu erdulden oder als Mittel zur Schwangerschaft einzusetzen, sondern Sex um seiner Selbst willen zu wollen? Erregung und Orgasmen zu erleben, die niemandem dienen außer dem eigenen Vergnügen?

Geht es um eine Scham für das, was wir uns sexuell wünschen? Weil es etwas anderes ist, was wir annehmen, uns wünschen zu sollen, als braves, normales, hübsches Mädchen?

Schämen wir uns für die Bilder in unserem Kopf, die uns feucht machen? Zu krass, zu jenseitig, zu nicht-politisch korrekt, zu gewalttätig, zu queer, zu viel, zu oft?

Schämen wir uns für Übergriffe, Gewalt und Missbrauch, die uns zugestoßen sind, weil wir genau dieses und kein anderes Geschlecht haben und weil manche immer noch meinen, das dies ein Geschlecht sei, welches den Männern mehr gehöre als den Frauen, die es tragen? Und schämen wir uns noch mehr, weil uns jemand gesagt hat (nachdem wir durch all unsere Scham hindurchgewatet und den Mund geöffnet und gesprochen haben), dass das, was da zwischen unseren Beinen geschehen ist, ja wohl hauptsächlich mit unserem beschämend unanständigen Wesen/Kleidungsstil/Verhalten zu tun habe, denn ohne Grund fühlt sich ja keiner eingeladen, zuzugreifen?

Schämen wir uns, ständig schwanger, nie schwanger, mit den falschen Kindern (zu krank, zu weiblich) schwanger zu werden?

Und wie kommt es, dass das, was die Labien schützen, Scheide heißt? Scheide für was? Scheide für das Schwert, welches der Mann nach Belieben in uns hineinstößt? Heimat für die Waffe des Mannes?

Und wie sollen wir frei, lustvoll, unabhängig, lebendig und lachend unser Selbst entfalten, voller Mut und Stärke, wie sollen wir unseren Körper in seinem spezifischen So-Sein liebevoll umarmen, wie sollen wir danach trachten, uns selbst gut zu tun vor allem anderen, solange unsere eigene Sprache uns in die Scham verbannt?

Wir brauchen neue Worte. Etwas anderes als Scheide/lat.Vagina. Etwas anderes als Schamlippen.

Was fällt euch ein? Mit welchem Wort würdet ihr euch schöner, stärker, freier und gesünder fühlen? Welcher Begriff würde für euch mehr nach Lust und weniger nach Besitz klingen?

Fürs Erste finde ich Vulvina sehr schön – und diesen kleinen Aufklärungsfilm (auch) für junge Menschen ganz bezaubernd:


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Heilpraktikerin für Psychotherapie Ausbildung zur systemischen Therapeutin an der GST Berlin und der dem BIF Berlin. Abschlussarbeiten /...

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