Schlechter Sex ist gut!

Thomas Saum-Aldehoff schreibt in der aktuellen Psychologie Heute über eine Studie der George Mason University, welche zu dem Ergebnis kam, dass Sex – Überraschung! – das Wohlbefinden sogar noch am nächsten Tag entscheidend steigert.

Genauso ist das. Sex tut gut.

Auf gesundheitlicher Ebene sorgen die entspannende Wirkung von Orgasmen und Berührung, die vermehrte Ausschüttung von Endorphin, Oxytocin und Dopamin für Linderung von Spannungsschmerzen in bspw Kopf, Nacken, Rücken und Unterleib, helfen, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren und stärken das Immunsystem.

Auf emotionaler Ebene profitieren wir ebenfalls vom Entspannungs-Effekt durch Sex und Zärtlichkeit, wir gehen ausgeglichener, optimistischer und besser gestimmt durch unseren Tag. Sex steigert den Selbstwert: wir sind ganz offenbar begehrenswert, wir sind in der Lage, Lust zu schenken, wir sind nicht allein auf der Welt. Sex streut Glitzer auf den immergleichen Alltag, auf die grauen Wege von der Kita zum Büro, vom Büro zum Arzt, vom Supermarkt zur Tiefgarage. Sex bindet uns ins Hier und Jetzt und beschert uns damit ein Mehr an Lebendigkeit. Erotik öffnet Oberflächen und lässt uns tiefer blicken, fühlen. Erotik verlässt die rationale Zwecklogik der Angezogenen. Sex will keinen Gewinn, keinen Mehrwert, keine Sicherheit. Sex ist eine Feier der Lebendigkeit, genossen mit allen Sinnen.

Auf der Beziehungsebene schafft Sex Nähe, Intimität und Verbindung. Erotik ist manchmal wie intuitiver Tanz, manchmal wie ein stilles Gespräch. Sexuell begegnen wir uns, so wie wir sind: Nachdem wir uns aus allen Hüllen schälten. Sexuell begegnen wir uns in alternativen Realitäten, so, wie wir sein könnten: In dem wir andere, bizarre, fremde Hüllen anlegen. Sexuell berühren sich nicht nur unsere Geister sondern auch unser Trieb, unser Blut, unser Schmerz. Das funktioniert in Beziehungen übrigens genauso gut oder schlecht wie mit Fremden. Im Idealfall wohnt der Verführung des Langzeitpartners genauso viel unsichere Aufregung inne wir der Berührung mit dem Fremden und geht die Fremde mit uns ebenso respektvoll um wie die Partnerin. Im Idealfall sind beide so liebevoll oder brutal, wie wir es uns gerade wünschen.keine Sicherheit. Sex ist eine Feier der Lebendigkeit, genossen mit allen Sinnen.

Auch Selbstbefriedigung ist Beziehungsarbeit vom Feinsten: Selbstbefriedigung ist Teil der für Alle und Jeden so wichtigen und ständig und überall vernachlässigten Ich-Zeit. Selbstbefriedigung bringt uns in Kontakt mit uns selbst, lässt uns unsere Haut spüren, unsere ureigenen Lustzonen ergründen. Masturbierend sind wir endlich mal nett zu uns selbst, fürsorglich und rücksichtsvoll, masturbierend fragen wir uns, was uns jetzt gerade gut täte, was uns Lust bereiten könnte um uns das dann zu geben – und um damit aufzuhören, oder eine anderen Richtung einzuschlagen, wenn wir an Grenzen gelangen. Das gilt natürlich alles nur für guten Sex.

Schlechter Sex, also Sex, den wir eigentlich gar nicht wollen, zumindest nicht jetzt und zumindest nicht so oder zumindest nicht mit diesem Menschen, schlechter Sex lässt uns nicht schwerelos über Erregungsplateaus tanzen, um uns schließlich orgiastisch über alle Gipfel zu katapultieren. Schlechter Sex schenkt uns keinen bunten, gut gemixten Hormoncocktail ein und streut auch kein Glitzer auf die Straßen unseres Lebens. Schlechter Sex macht müde, genervt, aggressiv, angespannt, unglücklich, traumatisiert, macht selbstunsicher, einsam, verletzt oder kontaktlos.

Allerdings nur, wenn wir schlechtem Sex mit Schweigen begegnen. Was wir ja nicht müssen. Eigentlich bietet schlechter Sex einen prima Anlass für tiefe Gespräche über das, was wir uns wirklich wünschen und über die Frage, warum wir es nicht kriegen. So kommen wir Teufelskreisen auf die Spur (Manchmal hab ich keine Lust, aber ich denke, du willst und ich will dich nicht enttäuschen – ich hab auch manchmal keine Lust und mache nur, was ich denke, was du willst – ach, das willst du gar nicht, dass ich mache, was du willst? Manchmal wirkst du unzufrieden und das verunsichert mich – manchmal wirkst du unsicher und das macht mich unzufrieden.) Merke: Teufelskreise glitzern nicht, egal wie viel Glitzer man drüber streut. Dafür lösen sie sich auf, wenn man sie bespricht.
Gespräche können Intimität schaffen, in dem wir uns endlich trauen, zu sagen, was wir wollen, wofür wir uns aber schämen: Ich will dich schlagen / ich will gefesselt werden / ich will schmutzige Gespräche / ich will schwarze Gummianzüge und kalten Asphalt / ich will endlich mal wieder Blümchensex im eigenen Bett).

Gespräche zeigen uns manchmal, wie wenig wir vom Begehren der anderen, aber auch von unserem eigenen wissen. Oder sie machen endlich deutlich, wie unsicher wir uns gerade miteinander fühlen, und dass es keine sexuelle Hingabe geben wird, solange wir uns nicht prinzipiell wieder vertrauen können.
Oder sie bringen uns näher an andere, wichtige Themen: Daran, wie sehr Schwangerschaft, Krankheit, Gewalt oder Alter unser körperliches Empfinden beeinflusst haben. Wie wenig wir über die Wunden der anderen wissen, wie tief wir unseren Schmerz vergraben haben.
Gespräche mit Freund_innen über die Art, wie wir mit uns selbst schlafen, schaffen nicht nur Nähe, sondern sie inspirieren und informieren – wir sind alle so unerfahren mit unseren eigenen Anatomie!
Gespräche mit Fremden können so erkenntnisreich sein, da sie sich auf der weißen Fläche des Unbekannten ereignen: Wo keine gemeinsame Vergangenheit ist, gibt es auch keine Vorannahmen und Vorurteile und ziemlich wenige Risiken.

So betrachtet ist schlechter Sex eigentlich deutlich ertragreicher als guter Sex – wobei es nicht schlimm ist, trotzdem immer wieder Spaß an Sex zu haben – und darüber zu reden!

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