Wie Partnerschaften von #meetoo profitieren

#meetoo

In der Zeit spricht der systemische Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement darüber, in welcher Weise die meetoo-Debatte seiner Ansicht nach in Liebesbeziehungen hineinwirkt. Das ist wichtig, denn wer die Grenzen seiner Partner_in nicht erkennt und achtet, wird sich damit im Berufsleben (im Nachtleben, auf der Straße) ebenfalls schwer tun. Und wer seine eigenen Grenzen in den engsten Beziehungen nicht schützen kann, der wird damit auch andernorts Schwierigkeiten haben.

Meiner Ansicht nach lädt die metoo-Debatte Liebende zum Nachdenken über die folgenden vier Aspekte ein:

Erotik, die nicht sprechen darf, beunruhigt

1: Nur Ja heißt Ja.
Mit Nein ist niemals Ja gemeint, ebenso wenig mit Vielleicht und auch Schweigen ist kein Ja. Dass jemand sich nicht aktiv wehrt, heißt nicht, dass er zustimmt. Mit einer Person  zu schlafen, die sich nicht wehrt, kann bedeuten, zu vergewaltigen.

Viele Menschen finden es anstrengend oder auch albern, auf eindeutige Zustimmung zu warten. Etliche Männer und Frauen fürchten, der Flirt  an sich könnte so zur schnöden Geschäftsverhandlung verkommen, schillernde Verführung müsse schroffer Eindeutigkeit weichen. Dem ist natürlich nicht so.  Die Magie der Verführung liegt ja letztendlich darin, dass wir uns selbst dazu verführen, uns noch ein bisschen weiter nach vorn zu wagen, weg von unserer Angst, hin zu unserer Lust. Verführung nicht durch uns selbst sondern durch einen anderen ist Manipulation und Manipulation war noch nie verlockend. Der Tanz der Verführung verliert seinen Reiz nicht, wenn beide sich aktiv darin bewegen. Er gewinnt allerdings an Aufregung, wenn wir ihn langsam tanzen, um uns die Zeit zu nehmen, in uns hinein zu spüren, um zu merken, was sich noch gut anfühlt und was – zumindest jetzt gerade – zuviel wäre. Der erste Kuss verliert seinen Zauber nicht, wenn davor ein „darf ich?“ gehaucht wird, wenn er durch ein „willst du denn?“ verzögert wird.

Es ist aufregend und sehr mutig, darüber hinaus erwachsen und verantwortungsvoll, sich beständig zu vergewissern, in seinem Tun noch gewollt zu sein. Und das eindeutige Ja, dass man dadurch hört, fühlt sich so gut an! (Ja, es gefällt mir, wie du mich berührst. Ja, ich will, dass du mir noch näher kommst.)

Auf ein eindeutiges Ja zu setzen, tötet nicht die Verführung.  Es stirbt dadurch nur langsam der alltägliche Sex im dunklen Schlafzimmer aus, unter der Bettdecke, im Schweigen. Oder der Missbrauch  im Rausch, der am nächsten Tag die eine in Verzweiflung und den anderen in dumpfer Reue erwachen lässt. Es stirbt der Übergriff im Vorübergehen aus, der selbst dem Täter doch keinen Mehrwert für sein Selbstbewusstsein geben kann.

Ich kann mir vorstellen, dass es für gar nicht so wenige Männer ein ganz neues – berauschendes – Gefühl sein könnte, mit einer Frau zu schlafen, die das eindeutig und klar und deutlich und die ganze Zeit über und laut und offensiv auch will!

Für Frauen wiederum wäre es ein Segen sondergleichen, endlich wollen zu dürfen, was sie eh wollen, ohne aus einer uralten, verqueren, liebesfeindlichen Moral heraus sich gezwungen zu sehen, die eigene Lust zu verschleiern hinter unwilligen Seufzern, in der Hoffnung, dass dann trotzdem passiert, was passieren soll.

2: Es ist in Ordnung, nicht zu wollen
Herrlich ist es, wenn wir – gerade in unseren nahen Beziehungen – die Schuldgefühle ablegen können, die es uns oft macht, nicht zu wollen, was wir wollen müssten, damit unser Gegenüber zufrieden ist.  Die meisten von uns haben gelernt, die Tante zu küssen, ob wir wollen oder nicht, die fremde Hand zu dulden, die im Restaurant unser Haar zerwuschelt, uns damit abzufinden, spontan hochgehoben, getragen, abgesetzt zu werden usw.

Es ist anspruchsvoll – aber kostbar – überhaupt erstmal ein Gespür dafür zu entwickeln, was genau uns wann gut tut. Möglicherweise wollten wir gestern Sex, aber heute nicht. Vielleicht haben wir beim Abendessen Lust, später aber nicht mehr. Vielleicht haben wir mittendrin keinen Spaß mehr. Vielleicht wollen wir küssen, aber nicht streicheln. Schon streicheln, aber nicht so. Küssen, aber nicht hier.

3: Es ist in Ordnung, zu wollen
Wenn mein Wollen für dich bedeutet, auch wollen zu müssen, nimmst du mir mein Wollen übel, weil es dir etwas aufzwingt, was du nicht willst. Daraufhin fühle ich mich schlecht, weil ich will, fühle mich vielleicht irgendwann ganz generell schlecht, weil ich generell will.

Wer gut Nein sagen kann, der kann aber respektieren, was der andere will, denn es nötigt ihn zu nichts. Der kann sagen: „Es ist okay, dass du auf dieses spezielle Art mit mir schlafen möchtest. Ich möchte es allerdings nicht.“

Weder Wollen noch Nicht-Wollen sind verwerflich. Beides fordert nur heraus zu der gemeinsamen Suche nach Lösungen.

4: Ein Nein ist auch ein Ja und ein Ja ein Nein
Oft verhacken Paare sich in eine Flüchtlings-Verfolger-Dynamik, in der einer immer zu fordern und einer immer abzuwehren scheint, wobei keine Rolle sich angenehmer anfühlt als die andere. Dabei will ja in Wahrheit jeder irgendwas und irgendwas nicht.  Derjenige, der fordert, sagt dabei auch Nein zu vielem anderen (Nein zu einer Beziehung ohne Sex, Nein zu so wenig Sex, Nein zu diesem Sex, Nein zur Distanz, Nein zu Einsamkeit). Und wer nicht will, will währenddessen etwas anderes. Sex, aber mit jemand anderem, Sex, aber nicht heute. Zärtlichkeit, aber ohne Orgasmusdruck. Nähe, aber nicht körperlich. Sex, aber nicht so, sondern so. Orgasmen, aber ohne Genitalstimulation. Genitalstimulation, aber keine Orgasmen. Kuscheln, aber nicht heute. Sex, aber woanders.

Trainieren wir uns  in der Kunst, ja und nein sagen zu können, lernen wir unsere eigenen Bedürfnisse – und die unserer Partner stetig besser kennen in ihrer schillernden, faszinierende Vielseitigkeit –was für ein Geschenk!

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Cornelia Jönsson

Cornelia Jönsson

Heilpraktikerin für Psychotherapie Ausbildung zur systemischen Therapeutin an der GST Berlin und der dem BIF Berlin. Abschlussarbeiten /...

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