Lass uns über Gefühle reden – Zwiegespräche zum Valentinstag

Ihr könnt es im Bett machen oder auf der Couch. Am Esstisch, im Arbeitszimmer, in der Hollywoodschaukel. Im Blumenbeet, am Strand oder in einer Berghütte. Stehend, liegend, sitzend oder irgendwas dazwischen. Ihr könnt es überall tun und auch dann, wenn ihr eine Erkältung oder ein gebrochenes Bein habt. Ihr braucht nichts dafür. Keine Hilfsmittel und keine besonderen Fähigkeiten. Erst recht kein Geld. Es ist das perfekte Valentins-Geschenk. Kein Kapitalist profitiert davon. Ihr selbst umso mehr. Als Paar und als Einzelne. Die Menschen, die euch nahe stehen, haben wahrscheinlich auch etwas davon.

Die Zwiegespräche sind eine Idee von Michael Lukas Moeller , die er in Büchern wie Die Wahrheit beginnt zu zweit / oder: Worte der Liebe. Erotische Zwiegespräche ausführlich erklärt. Er ist Psychoanalytiker, aber Zwiegespräche sind trotzdem toll. Sehr schlicht und sehr belebend.

Zwiegespräche sind eine besondere Form der Konversation zwischen zwei Menschen. Klassischer Weise zwischen zwei Liebenden, aber für Freunde, Verwandte und andere funktioniert es sicher auch. Wichtig ist, dass ihr einander wichtig seid und euch gegenseitig vertraut.

Die größte Hürde ist es in der Regel, ein Zeitfenster für das Zwiegespräch zu finden  – und das gilt nicht nur für berufstätige Eltern.

Müller empfiehlt 90 Minuten für ein Zwiegespräch – ich denke, das ist ein guter Zeitrahmen für Profis und / oder Paare im Konflikt. Für den Anfang tun es sicher auch 60 Minuten oder sogar schon 40. Weniger sollten es nicht sein, sonst habt ihr nicht genug Zeit, von den Oberflächen des Alltags in die tieferen Schichten eurer Seelen hinabzusinken, die zu erkunden das Zwiegespräch ja versucht. Viel länger als 90 Minuten solltet ihr aber auch nicht reden, denn sonst lauft ihr Gefahr, zu erschöpft zu sein und die Lust zu verlieren.

Die Herausforderung besteht darin, ein Zeitfenster von 60-90 Minuten zu finden, in dem ihr absolut ungestört seid. Autofahrten gehen ebenso wenig wie Spaziergänge. Eure Aufmerksamkeit sollte allein bei euch und eurem Partner liegen. Zwiegespräche führt man nicht spontan sondern nach Absprache, damit beide gut vorbereitet sind und verhindert wird, dass doch wieder was dazwischen kommt. Idealer Weise führt ihr sie sogar jede Woche zur selben Zeit.

Was dann passiert, ist folgendes: Erst redet die Eine dann der Andere. Vielleicht wechselt ihr euch nach 10 Minuten ab oder nach 15. Während der eine redet, hält die andere die Klappe. Bestenfalls dürfen Verständnisfragen gestellt werden (Wer war nochmal Miriam? Was heißt „deprivatisiert“, wann war noch mal die Blinddarmoperation etc).

Inhalt der Gespräche sind: Gefühle. Nichts weiter. Nichts Organisatorisches, nichts Theoretisches. Keine Geschichten über andere Leute, keine Plaudereien über den letzten Urlaub. Nur Gefühle. Das ist ziemlich schwer. Erstmal fällt einem wenig mehr ein als: „Mir geht’s ganz gut.“ Aber mit der Zeit entblättern sich all die unzähligen Farbschattierungen von „ganz gut“ – und ihr erkennt sowohl euch selbst als auch euer Gegenüber tiefer, schillernder, aufregender als bisher.

Ihr könnt über eure Gefühle in Bezug auf die gemeinsam Beziehung sprechen – irgendein Konflikt findet sich ja meistens (und auch über Angenehmes zu sprechen, ist sinnvoll).

Ihr könnt aber auch von anderen Dingen sprechen, die euch gerade beschäftigen.

Vielleicht denkst du: Brauchen wir nicht, wir reden eh soviel. Hab ich auch gedacht. Denken viele. Und dann ist es doch immer wieder verdammt erstaunlich, wie selten wir im Alltagstreiben die Muße finden, uns wirklich auf ausgedehnte Streifzüge durch den farbenfrohen Urwald unserer Seelen zu begeben. Es gibt ja so viel anderes zu bereden. Einkaufslisten, Urlaubsträume, Theateraufführungen, Romane, beste Freundinnen, Verflossene, Eltern, Büros, Kinder, Hunde, Häuser. Dabei immer auch Gefühle (Ich hasse meine Chefin, ich fühle mich so dauerüberfordert, ich sehne mich nach Sonne und Ruhe, ich liebe, wie sie lacht, ich bin fasziniert von ihrer Poesie, ich bin neugierig auf seine ersten Worte), aber wann haben wir schon mal Zeit, diese Neugier, Faszination, Liebe, Sehnsucht, Wut genauer zu erforschen?

Zwiegespräche sind ein wundervolles Valentinsgeschenk, weil sie, wie ich finde, Beziehungen – und nicht zuletzt die zu uns selbst -lebendig, frisch, tief und schillernd werden lassen.

Sie verhindern, dass wir Wesentliches so lange runterschlucken, bis wir daran ersticken.

Sie lehren uns, Konflikte gut auszuhalten und dabei auf Selbstoffenbarung und Verstehen wollen statt Vorwurf und Gegnerschaft zu setzen.

Zwiegespräche sind, wie der Name schon sagt, auf zwei Personen ausgelegt. Aber ich denke, Polybeziehungsgeflechte können daraus auch wunderbar Trigespräche machen oder Gespräche zu viert. Das erfordert dann einfach noch ein bisschen mehr Absprache, Geduld und Struktur. Aber darin sind Polyamore ja geübt.

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