Einsame Weihnacht

1

Die Plätzchen auf den Tellern hättet ihr gemeinsam gebacken, fröhlich den Untergang der Küche zelebrierend. Ihr würdet singen und zusammen mit den Geschenken der Kleinen spielen. Sie hätten rote Wangen vor Aufregung und bald würden sie auf deinem Schoß einschlafen. Statt dessen sitzt ihr immer noch zu zweit auf dem Sofa, eine Leerstelle zwischen euch. Auf dem Handy gehen im Minutentakt Weihnachtsgrüße samt leuchtender Kinderaugen ein, die Eltern schenken euch unter anderem ein Stofftier, man weiß ja nie, als gäbe es irgendwas, was ihr noch nicht versucht habt, und im Papierkorb im Bad liegt der Test ohne Linie.

2

Der Braten ist gleich fertig, vegan, wie die Jüngste es sich gewünscht hat, die ersten Flaschen Wein schon geleert. Stimmen verästeln sich. Du deckst den Tisch und du deckst einen Teller zuviel. Dir stockt der Atem. Du wirst dich nie dran gewöhnen. Das Klingeln in der Nacht, die beiden Dienstausweise, das Hämmern deines Herzens. Der Roller war ein Geschenk von euch gewesen. Du deckst den Teller wieder ab, bevor es auffällt. Du wirst dich niemals dran gewöhnen.

3

Dein Bruder und seine Frau spielen mit den vor Freude strahlenden Kindern und ihren neuen Geschenken, deine Schwester und ihre Freundin können die Hände nicht voneinander lassen, deine Mutter turtelt in der Küche mit ihrem neuen Partner. Du blätterst in deinen Buchgeschenken, fährst mit der Hand über deinen neuen Schal. Du wischst Plätzchenbrösel von deinem Handy und wischst ein bisschen nach links, nach rechts, manche gefallen dir, die meisten nicht und wie wahrscheinlich ist es schon, das ausgerechnet nächstes Jahr Mr. Right auftaucht.

4

Du stellst die kleine Flasche Wein auf den Tisch, ein Glas, ein Teller, im Radio wird die Messe übertragen. Deine Tochter mit den wütenden Augen besucht dich schon lange nicht mehr, du hast keinen Schimmer, warum nicht. Die Enkel reisen von deinem Geld durch ferne Länder, wo sie über Traditionen lachen. Deine beste Freundin ist tot, deine Schwester und die Nachbarin auch. Du nimmst den Rosenkohl von Herd. So geht es und so wird es gehen, Jahr für Jahr.

5

Du sitzt oben auf deinem Hochbett und packst das Geschenk der Einrichtung aus. Duschgel und Kaffee. Den wirst du weiter verschenken. Du glaubst an nichts, was mit diesem Weihnachten zu tun hat, und trotzdem treibt dir die Forderung nach Liebe und Gemeinsamkeit, die dieser Tage bleischwer in der Luft liegt, Tränen in die Augen, als du, das Handy in der einen Hand, mit der anderen Neffen und Nichten zuwinkst. Du fragst deinen Bruder, ob es Neues von deinem Vater gibt, er schüttelt den Kopf, ihr schweigt. Wie ist es bei dir, fragt dein Bruder, schön, lügst du, ihr müsst bald nachkommen, als ob das so einfach ginge. Oder du kehrst zurück, erwidert der ferne Bruder, vielleicht ist ja bald alles vorbei. Du sagst ja, obwohl du gern laut lachen würdest.

6

Die Schwester führt dich in dein Zimmer, ein roter Papierstern klebt am Fenster. Du stellst deine Tasche auf den Plastikstuhl. Dein Mann hat mal wieder nicht verstanden, warum du dich nicht wenigstens heute zusammenreißen kannst, die Kinder haben besorgt zu dir hochgeschaut, das Kopfschütteln deiner Mutter, wenn sie gleich zu euch nach Hause kommt, siehst du bildlich vor dir. Du hast immer noch keine Medikamente bekommen.

Weihnachten ist das Fest der Liebe und Gemeinschaft. Weihnachten sind ein paar freie Tage vor Jahresende, die man mit Freunden und Verwandten essend, trinkend, faulenzend verbringen kann.
Weihnachten ist auch das Fest, der großen Streits, die Zeit, in dem alte Wunden zuverlässig wieder aufreißen.
An Weihnachten mit seinem Anspruch auf Harmonie und Zugewandtheit kann man eigentlich nur scheitern. Entweder hältst du dich nicht an die Traditionen oder du emanzipierst dich nicht genug von selbigen, entweder enttäuschst du jemanden oder bist selbst enttäuscht, entweder trinkst du zuviel oder lange nicht genug.

Und dein Für-Dich-Sein, dass sich unter dem Jahr nach Unabhängigkeit anfühlt, wenn du weite Reisen unternimmst, oder nach Selbstständigkeit, wenn du dich beruflich verwirklichst, dein Mit-Dir-Sein, dass für dich Entspannung bedeutet, wenn du in Ruhe auf deinem Sofa lümmelst, mit deinem Tee und deiner Katze und der alleinigen Macht über die Fernbedienung, das sich flexibel anfühlt, wenn du feierst, arbeitest und umziehst, wie es dir passt, ohne Verantwortung und den Zwang zur Rücksicht, dieses Allein-Sein wird zur schreiend schmerzhafter Einsamkeit an den Tagen, an denen alleine auf die Straße – überhaupt auf die Straße treten das Tabu der Stunde ist.

Unerfüllte Sehnsüchte schmerzen immer, ebenso Verluste, aber es tut noch mehr weh, wenn die Leerstellen neben uns von Weihnachtsbäumen und Adventskränzen hell ausgeleuchtet werden.

Probleme entstehen nicht in einem Menschen allein. Probleme werden in Strukturen und Systemen entwickelt. Deshalb versucht systemische Therapie, Systeme zu behandeln – oder zumindest den Einzelnen dabei zu unterstützen, dieser Flügelschlag des Schmetterlings zu sein, der das gesamte System verändert.

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Cornelia Jönsson

Cornelia Jönsson

Heilpraktikerin für Psychotherapie Ausbildung zur systemischen Therapeutin an der GST Berlin und der dem BIF Berlin. Abschlussarbeiten /...

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